Hildegard und
Hans Theo Richter - Stiftung

Kammermusik auf Papier – Die Kunst Hans Theo Richters

Die Kunst Hans Theo Richters ist heute außerhalb Dresdens nur noch wenigen Kennern, Museumsfachleuten und Sammlern vertraut, während er in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinem eigenständigen Zeichenstil weit über seine sächsische Heimat hinaus hoch geachtet wurde. Die Liste seiner Einzelausstellungen und der monographischen Veröffentlichungen legen davon Zeugnis ab. Hans Theo Richter war ohne Zweifel in den Jahrzehnten der Teilung Deutschlands einer aus jener überschaubaren Gruppe von Künstlern in der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR, die in ihrem Werk und ihrem Wirken die verdeckte Einheit der deutschen Kultur verkörperten. Der Meisterschüler von Otto Dix hat sich sein gesamtes Leben lang stets geweigert als Repräsentant der DDR von den kommunistischen Machthabern benutzt zu werden. Unter den Tausenden seiner Zeichnungen, druckgraphischen Arbeiten und Skizzen findet man kein einziges Blatt, in dem er an die Ideologie oder gar die Propaganda der Staatspartei Zugeständnisse gemacht hätte.

Hans Theo Richter erregte durch seine eindringlichen Zeichnungen bereits früh Aufmerksamkeit. Er erhielt im Jahr 1938 den Ersten Preis der Internationalen Graphikbiennale in Chicago und stieg nach 1945 zu einem der international besonders geachteten deutschen Künstler auf. Seit 1947 lehrte er überaus erfolgreich an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, 1956 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin und 1959 auch der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zu München. Ihm wurden zu Lebzeiten persönliche Ausstellungen in Dresden, Chemnitz, Halle, Hannover, Düsseldorf, Mannheim, Berlin, Bonn, Köln, Breslau, Helsinki, Brüssel, Budapest, Oslo und vielen anderen deutschen und europäischen Städten eingerichtet. Richter hielt stets an der jahrtausendealten Tradition der europäischen Kunst fest, die das Bild des Menschen als eine zentrale Aufgabe ansieht. Dabei widmete er sich vorwiegend der einzelnen Figur. Es gelang ihm dabei meisterhaft, ohne die Individualität zu vernachlässigen, den einzelnen als exemplarischen Typus menschlichen Wesens zu modellieren. Zumeist verzichtete er auf das erzählende Beiwerk, zeitgebundene Kleidung und Umgebung sowie historisch eindeutig zu bestimmende Geschehnisse.

Seine Schöpfungen sind zumeist auf sich selbst zurückgezogen, besonders dann, wenn sie sich einfachem Tun hingeben. In der Schlichtheit und Selbstverständlichkeit ihrer Gesten verkörpern sie die Würde des Menschseins, frei und sicher in Haltung und Geist. Dabei sind seine Zeichnungen fast immer von einer Stimmung von Vertrauen, Zuneigung und Behutsamkeit beherrscht, die man als ideale Ziele menschlichen Umgangs benennen kann. So ist es natürlich und folgerichtig, daß bereits in Richters Frühwerk seine Aufgeschlossenheit für die Welt der Kinder sichtbar wird. Hunderte von Skizzen auf Spielplätzen erfassen die unendliche Vielfalt im Verhalten der Kinder untereinander und zu den Erwachsenen.

Angeregt von Otto Dix schuf Hans Theo Richter auch Ölgemälde, nur zwei davon blieben bei der Vernichtung des Ateliers beim Bombardement Dresdens erhalten. Hans Theo Richter hatte die Ölmalerei jedoch bereits im Jahr 1935 wieder aufgegeben und sich vortan völlig der Zeichenkunst zugewandt, zunächst auch dem Aquarell. Aber auch auf diese farbige Technik verzichtete er nach 1952 und entschied sich vollständig für das Schwarzweiß, getreu der Erkenntnis der alten Chinesen, dass Schwarz die reichste und schönste „Farbe“ sei.

Die vibrierende Linie des Stiftes und die hauchzarte Fläche von Lavierung oder Wischtönen auf der atmenden Haut der geschöpften Papiere vermögen Nuancen des Ausdrucks wachzurufen, die dem bunten Tafelbild nicht zugänglich sind. Diese exklusive Welt der Kunst auf Papier, die dem Gedicht, dem Lied oder der Kammermusik vergleichbar ist, hat stets die größten Künstler angezogen. Zugleich hatte es diese Gattung der bildenden Kunst in Phasen der augenscheinlichen Beherrschung der sinnlichen Welt durch marktschreierischen Zeitgeist und vordergründige dekorativ geprägte Motive immer besonders schwer. Andererseits erregten die kleinformatigen ästhetisch höchst anspruchsvollen Schöpfungen auf Pergament und Papier der großen Künstler wie Botticelli, Leonardo, Dürer bis hin zu Klee und Picasso stets das Interesse eines feinen Kreises hochelitärer Kenner und Sammler, die ihre Wertschätzung für die zumeist stille Kunst der Zeichnung in der Bewilligung von höchsten und zuweilen allerhöchsten Preisen auf dem Kunstmarkt beweisen.